Kinderernährung und Lebenswirklichkeit – Fertigprodukte ohne schlechtes Gewissen?

4. Dortmunder Forum für Prävention und Ernährung

In der Ernährungswirklichkeit von Kindern spielen Fertigprodukte zunehmend eine wichtige Rolle. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Verpflegung in der Familie, sondern auch in der Gemeinschaftsverpflegung wie etwa in Kindertagesstätten und Schulen. Neben vielen Annehmlichkeiten führt diese Entwicklung bei Versorgern und Eltern aber häufig auch zu einem schlechten Gewissen. Denn eine „gesunde“ Ernährung wird meist mit Selbstkochen und frischen Lebensmitteln verbunden. Wie die wissenschaftliche Datenlage zum Thema Fertiggerichte in der Kinderernährung aussieht und welchen Herausforderungen die Industrie, aber auch Ernährungsberater und nicht zuletzt die Konsumenten, also Eltern und Kinder, dabei gegenüber stehen, war Thema des 4. Dortmunder Forum für Prävention und Ernährung. Mehr als 140 Experten tauschten sich auf Einladung des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) am 5.12.2013 im Dortmunder Kongresszentrum Westfalenhallen dazu aus.

Staatssekretär Peter Knitsch aus dem Verbraucherschutzministerium NRW betonte die Bedeutung einer ausgewogenen Kinderernährung ohne schlechtes Gewissen. Heute gehe es gerade darum, trotz Convenience Food die Bedeutung von frischem und leckerem Essen zu vermitteln. Wie sich die Ernährungswirklichkeit im Lauf der Zeit verschieben kann, demonstrierte Prof. Dr. Norbert Wagner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin mit einem Blick auf die letzten 100 Jahre in der Pädiatrie: Waren früher bestimmte Bevölkerungsschichten wie Migranten und bildungsferne Familien vor allem von Unter- und Mangelernährung betroffen, sind es heute dieselben Gruppen, die sich durch einen hohen Anteil an Übergewicht und Adipositas auszeichneten. Ein Szenario, das noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar war. Prof. Dr. Mathilde Kersting, stellvertretende Leiterin des FKE, belegte den immer schnelleren Wandel in der Ernährung an bemerkenswerten Zahlen: So stieg in nur 3 Jahren (2008 bis 2011) der Umsatz an der Herstellung von Fertiggerichten um 148% an. Zudem essen über 80 % der Kinder zwischen 3 und 18 Jahren mindestens ein Fertigprodukt innerhalb von 3 Tagen. Damit ist klar: Fertigprodukte sind ein fester Bestandteil in der Kinderernährung, der „Megatrend Convenience“ ist in der Lebenswirklichkeit angekommen.

Aktuelle Erkenntnisse aus Konsumenten- und Produktforschung

Wie Kaufentscheidungen zustande kommen und welchen Einfluss dabei die Information auf den Kaufprozess hat, erläuterte Prof. Dr. Bernd Weber aus dem Center for Economics and Neuroscience der Universität Bonn. Studien zeigen, dass die Auslobung bestimmter Kriterien (z.B. „bio“, „light“) schon vorab einen Einfluss auf das Geschmackserlebnis hat. So werden als „light“ gekennzeichnete Produkte mit einem weniger intensiven Geschmack in Verbindung gebracht, „bio“-Lebensmittel dagegen mit einem intensiveren Geschmack verbunden. Laut Weber existiert demnach ein Placebo-Effekt auf den Geschmack, der von Art und Zeitpunkt der gelieferten Informationen abhängt. Aber auch die Verpackung beeinflusst die Kaufentscheidung. So konnte in einer Studie mit Kindern in Dortmund bereits die Kennzeichnung mit Cartoons das Verlangen nach einem gesunden Früchte-Mix erhöhen. Diese Beispiele zeigen, dass die Erwartung an ein Produkt bereits seine Bewertung beeinflusst und damit entscheidend den Konsum prägt. Zudem spielen Standards eine bedeutende Rolle im Entscheidungs- und Kaufprozess. Dies ist umso wichtiger, da viele Menschen meist bei einmal gesetzten Standards bleiben. Das Verständnis von systematischen „Entscheidungsproblemen“ ist daher nicht nur für Unternehmen von Interesse, sondern kann auch seitens der Politik helfen ein Umfeld zu schaffen, welches Verbraucher – und damit auch Kinder - schützt und unterstützt.

Die Herausforderungen der Industrie bei der Entwicklung neuer Lebensmittel demonstrierte Dr. Mike Poßner, Nestlé Nutrition in Frankfurt, am Beispiel einer Säuglingsnahrung zur Allergieprävention. Eine solche Innovation müsse unter dem Aspekt der Wirksamkeit, aber auch der Kosteneffizienz betrachtet werden. Denn einer einzigen innovativen Säuglingsnahrung gehen nicht selten 25 Jahre Investment in klinische Studien voraus. Zurzeit wird in der Produktion von Säuglingsnahrung daran gearbeitet, den - im Vergleich zur Muttermilch - hohen Proteinanteil noch weiter zu senken. Denn eine hohe Proteinzufuhr im Säuglingsalter kann mit Adipositas im Kindesalter assoziiert sein. Für die rasche Entwicklung neuer innovativer Lebensmittel fehlen laut Poßner bisher noch klare gesetzliche Richtlinien. Zudem sei zukünftig mehr Individualisierung notwendig. Als Beispiel nannte er den kaum hilfreichen Oberbegriff der “Probiotika”, da eine spezielle Wirkung in der Regel nur auf bestimmte probiotische Bakterienstämme zutrifft.

Den Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis erläuterte Prof. Kersting in ihrem Vortrag „Entwicklung lebensmittelbezogener Konzepte für die Kinderernährung“. Eine lebensnahe Ausrichtung der Kinderernährung steht dabei im Mittelpunkt. Dazu gehört die Reduktion auf Kernbotschaften (reichlicher, mäßiger, sparsamer Verzehr von Lebensmitteln) wie sie in der Optimierten Mischkost (optiMIX) erfolgt. Eine schrittweise Veränderung der Mahlzeiten erhöht dabei die Akzeptanz auf dem Teller. Hierzu können auch Fertigprodukte beitragen, die vor dem Verzehr in einem geschickten Mahlzeiten-Mix optimiert werden: Aus einer Pizza Margerita mit Gemüsestücken und Oliven oder einer mit frischem Gemüse angereicherten Tütensuppe kann dann eine in der Optimierten Mischkost akzeptierte Mahlzeit werden. Daneben erhöhen ein gelungenes Marketing sowie spezielle Anreizsysteme für optimierte Mahlzeiten die Akzeptanz „gesunder“ Essensangebote bei Kindern. In diesem Prozess ist die Bereitschaft der Hersteller zur Optimierung ihrer Produkte zukünftig ebenso notwendig wie eine Kompromissbereitschaft von Wirtschaft, Wissenschaft und Verbrauchern.

Expertendiskussion: Kinderernährung und gesellschaftliche Wirklichkeit

Ernährungsexperten aus Industrie, Wissenschaft, Beratung, Verbraucherschutz und Pädiatrie diskutierten über den Stellenwert der Ernährung im Umfeld von Kindern heute. Dabei wurde deutlich, dass das Selbstkochen in der Familie neben der Nährstoffzufuhr noch viele andere Vorteile hat, wie etwa die Vorbildfunktion der Eltern, das Prägen von Essgewohnheiten oder die Wertschätzung von Lebensmitteln. Zudem erleichtert das Selbstkochen die Vermittlung von Lebensmittel- und Kochkenntnissen. Dass viele Menschen diese nicht mehr beherrschen, wurde von allen Experten als großes Problem angesehen. Hier besteht ein deutlicher Bedarf an Ernährungsbildung und -kompetenz. Gleichzeitig erklärt sich aber genau hier der Erfolg von Fertigprodukten: Sie kommen dann zum Einsatz, wenn Menschen überfordert oder ängstlich sind, in Zeitnot geraten oder sich einfach gerne Entscheidungen abnehmen lassen. Wie beliebt Fertigprodukte inzwischen sind, zeigt auch die von der Lebensmittelindustrie angebotene breite Palette mit 170000 verschiedenen Produkten. Die Herausforderung der Industrie liegt künftig darin, Lebensmittel weiter im Sinne einer präventiven Ernährung zu optimieren und der heutigen Lebenswelt anzupassen. Mit einem guten Ernährungswissen ist eine ausgewogene Ernährung dann auch mit Fertigprodukten durchaus möglich. Der Stärkung der Elternkompetenz muss dafür in der Primärprävention eine Schlüsselfunktion zukommen. Da Übergewicht und Adipositas aber multikausal verursacht werden, brauchen neben Ernährung auch ausreichende Bewegung und Entspannung im Alltag von Kindern einen festen Platz.

Fertigprodukte in Familienernährung und Gemeinschaftsverpflegung

Auch wenn in der Familienernährung Fertigprodukte inzwischen ein fester Bestandteil sind, beeinflussen aktuelle Trends wie Kochshows, Landlust und Gardening das heutige Ernährungsverhalten. Selbstkochen als Event, dazwischen ein Fertigprodukt auf die Schnelle - diese Entwicklung hält auch in der Familienernährung Einzug. Mit entsprechender Ernährungskompetenz ist die Wahl der richtigen Produkte für die Familienernährung aber nicht schwer zu treffen. Und wie sieht es in der Gemeinschaftsverpflegung aus? Auch hier haben Fertigprodukte einen festen Platz, wie diese Diskussionsrunde zeigte. Zumindest bei der Zubereitung großer Mengen sind Convenience-Produkte nicht mehr wegzudenken. Ein schlechtes Gewissen ist aber unnötig, sofern die Verantwortlichen gute Lebensmittelkenntnisse aufweisen. Die Experten sehen aber noch Optimierungsbedarf wie etwa einen geringeren Salzgehalt oder eine kindgerechte Nährstoffzusammensetzung der Produkte.

Die Zukunft im Sektor Lebensmittel und Ernährung

Prof. Dr. Hannelore Daniel, Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie an der TU München, warf einen Blick in die Zukunft der Ernährungswelt. Neue Herausforderungen in der Lebensmittelproduktion ergeben sich allein durch den prognostizierten Anstieg der Weltbevölkerung, die zu deutlichen Preissteigerungen bei Lebensmitteln führen wird. Daneben wird eine überalterte Gesellschaft, von der bereits heute mehr als ein Viertel an Malnutrition leiden, neue Anforderungen an die Ernährung stellen. Die massive Ausbreitung von Adipositas und ernährungsmitbedingten Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 muss verstärkt nicht nur unter gesundheitlichen, sondern auch ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet werden.

Zukünftig werden laut Daniel neue Produktionssysteme wie 3-D-printing, in vitro-Fleisch und neue Proteinquellen den Markt erobern. Dabei werden neue Produkte und Qualitäten wie Öko-Convenience, Beauty-Food und eine nachhaltigere Produktion immer wichtiger. Auch bei den Dienstleitungen im Ernährungsbereich wird sich einiges ändern: Die Erfassung des Ernährungsstatus kann in den Supermarkt an den „point of care“ verschoben werden, gleichzeitig wird die Produktion personalisierter und zielgruppenspezifischer Produkte zunehmen. Genetische Tests und e-Health werden immer mehr in den Alltag des Einzelnen einziehen. Große Herausforderungen liegen laut Daniel in der Gestaltung einer gesundheitsfördernden Umwelt. Dazu ist ein politischer Rahmen zur Gesundheitsförderung notwendig.

Fazit

Fertigprodukte sind aus der heutigen Kinderernährung nicht mehr wegzudenken. Das betrifft sowohl die Familienernährung als auch die Gemeinschaftsverpflegung. Der „Megatrend Convenience“ wird auch zukünftig zunehmen und dabei noch personalisierter und zielgruppenspezifischer werden. Fertigprodukte können ohne schlechtes Gewissen verwendet werden, sofern die Verbraucher über grundlegende Ernährungskompetenzen verfügen und bewusst Lebensmittel einkaufen und zubereiten oder ergänzen. Gefragt sind darüber hinaus Produktoptimierungen oder Innovationen der Industrie, die noch mehr den ernährungsphysiologischen Bedürfnissen von Kindern entsprechen. Die Politik ist gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Kinder in einer gesundheitsfördernden Umwelt aufwachsen können. Nur wenn Verhältnis- und Verhaltensprävention vernünftig kombiniert werden und auch die ökonomische Seite der Prävention berücksichtigt wird, kann die Primärprävention in der Kinderernährung nachhaltig erfolgreich sein.

Autorin: Dr. Gunda Backes, Kleinmachnow

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